Dyskalkulie (Rechenschwäche)
Eine Teilleistungsschwäche des Gehirns, die den Erwerb mathematischer Fertigkeiten erschwert — unabhängig von Intelligenz, Erziehung oder Beschulung.
Was ist Dyskalkulie?
Eine Dyskalkulie ist eine Teilleistungsschwäche des Gehirns. Durch die Beeinträchtigung von Funktionen, die für den Erwerb mathematischer Fertigkeiten notwendig sind, entwickeln betroffene Kinder nur mühsam eine Vorstellung vom Zahlenraum und die Fähigkeit, Rechenoperationen flexibel anzuwenden — bei normaler Intelligenz. Die Schwierigkeiten sind nicht auf unzureichende Beschulung, eine allgemein beeinträchtigte geistige Entwicklung oder sonstige Sinnesbeeinträchtigungen zurückzuführen.
Ursachen
Auch bei der Dyskalkulie handelt es sich primär um eine Störung der Gehirnfunktion, die das Erlernen mathematischer Begriffe erschwert. Manche Kinder fallen bereits im Vorschulalter durch Wahrnehmungsstörungen oder motorische Entwicklungsverzögerungen auf, andere entwickeln völlig unerwartet Schwierigkeiten in Mathematik. Mögliche Auslöser reichen von erblicher Veranlagung über Einflüsse während der Schwangerschaft bis zu schweren Erkrankungen im Kleinkindalter; im Einzelfall lässt sich die genaue Ursache meist nicht bestimmen. Zusätzlich beeinflussen Umgebungsbedingungen wie seelischer Druck oder die Art der Wissensvermittlung, wie gut ein Kind mit einer Veranlagung zur Dyskalkulie zurechtkommt.
Symptome
Kinder mit einer Dyskalkulie zeigen meist schon in den ersten Klassen Auffälligkeiten. Typisch sind zum Beispiel:
- Anhaltende Schwierigkeiten im Zahlenraum bis 20, insbesondere beim Zehnerübergang — teils noch in der 3./4. Klasse Rechnen mit den Fingern
- Fehlende Vorstellung von Zahlengrößen und dem Stellenwertsystem (z. B. wird 540 − 70 als 540 − 7 gerechnet)
- Häufige Zahlendreher, z. B. 27 statt 72
- Aufgaben werden nur mechanisch auswendig gelernt, ohne das Prinzip dahinter zu verstehen — eine Übertragung auf neue Aufgabentypen gelingt dann nicht
- Deutliche Schwierigkeiten beim Erlernen der Uhrzeit sowie bei Maßen und Gewichten
- Unfähigkeit, Textaufgaben in eine Rechenoperation umzusetzen
Bei Kindern ohne Dyskalkulie führen Erklärungen und Übung in der Regel zu einer spürbaren Verbesserung. Bleiben die Schwierigkeiten trotz intensiven Übens über längere Zeit bestehen und ist der Abstand zu den Leistungen der Klassenkameraden groß, ist das ein wichtiger Hinweis auf eine mögliche Dyskalkulie.
Mögliche Folgen
Mathematik begegnet Kindern ständig im Alltag — beim Einkaufen, Backen oder Busfahren. Schon das kann unter Druck setzen. In der Schule sind betroffene Kinder oft dauerhaft die Schwächsten in Mathematik; unbehandelt treten später auch in anderen Fächern mit Zahlenbezug, etwa Physik oder Erdkunde, Probleme auf.
Eltern reagieren aus Sorge mitunter mit vermehrtem Üben — bleibt der Erfolg aus, entsteht leicht Frust auf beiden Seiten, teils verbunden mit dem (falschen) Eindruck, das Kind stelle sich absichtlich dumm oder wolle nicht lernen. Auch im schulischen Umfeld wird die Ursache manchmal fälschlich in mangelndem Willen vermutet.
Viele Kinder merken früh, dass sie langsamer und schlechter rechnen als ihre Klassenkameraden. Im Lauf der Zeit können daraus Minderwertigkeitsgefühle und wenig Zutrauen in die eigene Leistungsfähigkeit entstehen, die sich auch auf andere Fächer auswirken können. Manche Kinder entwickeln Ängste, etwa vor der Schule, andere reagieren mit auffälligem oder aggressivem Verhalten — was den Druck zusätzlich erhöht.
Diagnostik bei Verdacht auf Dyskalkulie
Eine psychologische Diagnostik wird durchgeführt, wenn bei einem Kind der Verdacht auf eine Dyskalkulie besteht. Sie soll eine Erklärung für die Schwierigkeiten liefern, Ansatzpunkte für eine gezielte Förderung aufzeigen und mögliche seelische Folgestörungen erkennen.
Vorgehensweise
- Vorgespräch mit den Eltern zur bisherigen Entwicklung des Kindes
- Standardisierte Testverfahren, u. a. Intelligenztest, Rechentests und Arbeitsproben Mathematik, bei Bedarf ergänzt um Wahrnehmungs- oder Aufmerksamkeitstests
- Verhaltensbeobachtung des Kindes während der Testung sowie ein Gespräch mit dem Kind
- Abschließendes Auswertungsgespräch mit den Eltern zu den Ergebnissen und möglichen Fördermaßnahmen
Hilfen
Was Eltern tun können
- Die Lernprobleme erkennen und akzeptieren
- Anstrengung loben, nicht nur das Ergebnis
- Andere Talente und Hobbys des Kindes fördern
- Auch kleine Fortschritte wahrnehmen
- Hausaufgaben gemeinsam planen, Pausen einbauen, ggf. Entlastung bei Rechenaufgaben (z. B. Taschenrechner nach Absprache mit der Schule)
Was die Schule beitragen kann
- Die Problematik frühzeitig durch kleine Leistungsüberprüfungen erkennen
- Mehr Zeit für Rechenaufgaben einplanen, auch bei Klassenarbeiten
- Hilfsmittel erlauben (z. B. Einmaleins-Tabelle)
- Die Mathematiknote ggf. aussetzen
Lerntherapie
Vielen Kindern gelingt es mit Unterstützung von Eltern und Schule, das Rechnen in ausreichendem Maß zu erlernen. In manchen Fällen ist zusätzlich eine Lerntherapie sinnvoll — etwa bei einer schweren Dyskalkulie, bei seelischen Folgestörungen, bei Spannungen zwischen Eltern und Kind infolge der Lernstörung oder wenn trotz ausreichender Förderung keine Fortschritte erkennbar sind. Ziel der Lerntherapie ist es, gemeinsam mit Kind und Eltern sowohl das Rechnen zu fördern als auch mögliche seelische Folgeprobleme zu behandeln oder ihnen vorzubeugen.